Olympia XXIX (China 2008)
Eine wunderschöne, kreative, beeindruckende Eröffnungsfeier, die von vielen Mitwirkenden mit Mühe und Disziplin in ein wirklich schönes, lebendiges Kunstwerk verwandelt wurde.
Worauf ich gerne verzichtet hätte, war der Audiokommentar von Sandra Maischberger, der ich das Recht, die Tibet- und Menschenrechtsfrage in China für eines der wichtigsten Probleme auf der Welt zu halten, nicht nehmen mag, der ich aber sehr wohl nahegelegt hätte, diesen Themen nicht in jedem zweiten Satz einzubauen. Nicht, weil ich mir Dinge totgeschwiegen wünsche, sondern weil mir diese Betonung der innerchinesischen Fragen wie eine großkotzige europäische Unart vorkommt, die die richtigen Dinge mit dem völlig falschen Elan anspricht. Beispiel: Wenn Frau Maischberger auf die vielen Helfer zu sprechen kommt, die innerhalb des Stadions zu sehen sind (Fahnenträger, Tänzer, etc.), diese dann als Freiweilige bezeichnet, sich räuspert und nachfügt: „wenn man das denn sos agen kann.“ Soll wohl heißen: Alles Dissidentenkinder, die zur Teilnahme gezwungen wurden, weil sonst Mama und Papa sofort füsiliert worden wären; mindestens aber Zwangs- und Wanderarbeiter; keinesfalls aber wirklich Freiweillige, die das womöglich noch als Ehre empfinden könnten.
Weiteres Beispiel am Ende: Frau Maischberger summiert die Veranstaltung und bemängelt: Alles zu glatt gelaufen, alles zu perfekt. „Das hinterlässt einen Eindruck der Kälte.“ Da muss die Gegenfrage erlaubt sein: Welche durchchoreographierte Großveranstaltung dieses Ausmaßes wäre denn nicht bemüht perfekt über die Bühne zu gehen? Soll heißen: Schade, dass keiner gestolpert ist? Wirkte unmenschlich, weil die Menschen sich wirklich, wirklich angestrengt haben, was, unerhörter Zufall!, ja irgendwie auch den sogenannten olympischen Geist beschwört?
Und um ein letztes Beispiel zu bringen: Nach einem Programmteil, der Teile der Geschichte Chinas darstellte, machte Frau Maischberger ihrer Verwunderung Luft nichts von Mao gesehen zu haben. Die Schwere der Enttäuschung muss Frau Maischberg schwer getroffen haben: es ist ja auch eine unerhörte Unverfrorenheit der Chinesen, wenn sie ein Licht auf ihre 5000jährige Kultur werfen und gerade auch tibetbewegten Nicht-Chinesen bestimmte Aspekte chinesischer Geschichte nahebringen wollen. Mao da einfach auszulassen, überhaupt auf rote Fahnen zu verzichten, ebenso Hammer und Sichel, brennende US-Fahnen, das Bespucken westlicher Besucher, also, all die Dinge auszuklammern, von denen Frau Maischberger ganz sicher weiß, dass sie doch das wahre China ausmachen, das ist schon ein böser Affront. Letztendlich hätte sie sich wohl gewünscht, dass die Show aus einer 5stündigen Parade stolpernder Soldaten bestanden hätte, die alle ein Schild mit der Aufschrift „zwangsrekrutierte Minderheit“ auf dem Rücken tragen.
Es mag einer der großen Vorteile der Gegenwart sein, dass Informationen schnell reisen, Geheimnisse nicht lange Geheimnisse bleiben und Missstände im internationalen Maßstab viel schneller und deutlicher erkannt und benannt werden. Es ist aber einer der Nachteile der Gegenwart, dass das Geschrei der Gerechten und Selbstgerechten, sehr oft sehr schnell jegliche Nützlichkeit hinter sich lässt und in selbstbeweihräucherndes Gekeife umschlägt. China befindet sich in einem Prozess des Wandels: wo der enden wird weiß keiner. Wenn „wir“ (der Westen, die Demokratien) darauf Einfluss nehmen möchten, müssen wir uns bewusst sein, dass dieser Wandel seine Zeit dauern wird und das Ungeduld keine unserer dabei nötigen Tugenden sein kann.
Logisch zu Ende gedacht, bedeutet die pausenlose China-Schelte Maischbergers, dass man, wenn man dem Veranstalter seine Missetaten unter die Nase reiben will, um jegliche Anerkennung von dessen Leistungen zu verhindern, genauso gut bei jedem einzelnen Wettbewerbsteilnehmer die Untaten und Versäumnisse seines Landes auflisten müsste: „Dirk verwandelt den drei-Punkte-Wurf und jubelt. Hat er denn vergessen, dass letztes Jahr in Deutschland 2% mehr rechtsextremistische Straftaten registiert wurden? Aber schon setzen die Polen zum Gegenzug an, fast so als gäbe es die offene Anfeindung homosexueller Menschen in ihrer Heimat nicht!“ Will sagen: die politische Neutralität der olympischen Spiele ist nicht nur das Feigenblatt der erzwungenen Harmonie, sondern hat durchaus auch eine nette und sinnvolle Funktion: Man stelle sich vor, es würde sich tatsächlich ein wochenlanger, fairer Wettstreit zwischen Menschen aller Nationen entspinnen, bei dem niemand von Politik spricht und Teilnehmer wie Zuschauer den Menschen im sportlichen Gegner sehen, dessen Ziele und Wünsche nicht anders sind, als die eigenen. Ich weiß, Frau Maischberger, ich weiß: ein Schreckensszenario.